Die Urlaubskasse ist voll, das Wetter ist schlecht! Anna ist Studentin an der Universität Erfurt und möchte gerne vor Weihnachten in den Urlaub fliegen. Da ist doch eh nicht mehr viel los, denkt sie. Doch ihr Freund, welcher gerade eine Ausbildung gestartet hat, warnt sie – sie kann doch nicht einfach unentschuldigt fehlen. Was nun?

Vor etwa anderthalb Jahren gab es an der Erfurter Universität eine Reform für die Anwesenheitspflicht, dabei tat sich die Frage auf, ob eine Anwesenheitspflicht an Universitäten überhaupt rechtens ist. Darüber hinaus sorgte ein brisanter Fall eines Mannheimer Studenten, der gegen die Präsenzpflicht klagte, für Aufsehen. Dieser hatte letztendlich auch Erfolg, da laut Richter keine präzise Formulierung in der Rahmenprüfungsordnung der Mannheimer Universität vorhanden war. Somit war nicht klar ersichtlich, was es für prüfungsrechtliche Konsequenzen hat, wenn die Studierenden beispielsweise aufgrund von Krankheit nicht zur Vorlesung erscheinen können.

Also, denkt sich Anna, muss das doch an ihrer Uni auch funktionieren. Doch ihr Freund hat noch immer Zweifel und schaut lieber im Grundgesetz nach. Dort steht in Artikel 2 Abs. 1 GG, die Freiheit des Menschen sei besonders geschützt:

Jeder hat das Recht auf freie Entfaltung seiner Persönlichkeit, soweit er nicht die Rechte anderer verletzt und nicht gegen die verfassungsmäßige Ordnung oder das Sittengesetz verstößt.

Das klingt aber sehr danach, dass es gar keine Anwesenheitspflicht geben darf, also denkt Anna noch ein wenig darüber nach. Der Grundgedanke einer Universität ist es ja, dass die Studierenden frei entscheiden können, wie sie sich am besten auf die bevorstehenden Prüfungen vorbereiten, um selbständig zu werden. Die Präsenzpflicht schränkt diese Möglichkeit jedoch strikt ein.

Anna liest sich nun doch noch einmal genau die Rahmenprüfungsordnung durch, was sie längst hätte machen sollen.

Dort heißt es in § 8 Abs. 3 RPO:Die Anwesenheit bei Lehrveranstaltungen darf als Prüfungsvoraussetzung grundsätzlich nicht verlangt werden. Dies gilt nicht für Exkursionen, Sprachkurse, Praktika, künstlerischen Einzel- und Gruppenunterricht sowie praktische Übungen, hier besteht Anwesenheitspflicht. Darüber hinaus kann ausnahmsweise eine Anwesenheitspflicht geregelt werden, wenn das mit der Lehrveranstaltung verfolgte Lernziel nur durch die Anwesenheit des Studierenden, und nicht auf andere Weise, erreicht werden kann.“

Es steht also fest: Für Vorlesungen kann es keine Anwesenheitspflicht geben, für Seminare, Praktika, Sprachkurse, Exkursionen sowie Einzel- oder Gruppenunterricht und praktische Übungen jedoch schon. Anna schlägt also schnell ihren Kalender auf: Für die Woche vor Weihnachten stehen keine Veranstaltungen im Programm, bei denen Anwesenheitspflicht herrschen könnte.

Ihrem Urlaub steht somit nichts mehr im Wege!

Quellen:

https://aktuell.uni-erfurt.de/2017/02/02/keine-allgemeine-anwesenheitspflicht-in-lehrveranstaltungen-senat-beschliesst-Ausnahmeregelung/

http://www.spiegel.de/lebenundlernen/uni/mannheim-anwesenheitspflicht-fuer-lehrveranstaltungen-ist-unwirksam-a-1180933.html

https://sulwww.uni-erfurt.de/pruefungsangelegenheiten/pruefungsordnungen/B_2012/B_RPO_2010__2010-10-29.pdf

https://www.gesetze-im-internet.de/gg/BJNR000010949.html

Darf ich gehen oder muss ich bleiben?! | rechtsgeschichten