Ein grausamer Tag. Schon wieder wurde ich von meinen Mitschülern gemobbt, weil ich die Hausaufgaben nicht hatte und falsche Antworten gegeben habe. Ich schaffe das einfach alles nicht. Es ist zu viel, ich stehe unter enormen Druck. Ich hätte nicht gedacht, dass mir der Übergang von der Grundschule zur Sekundarschule so schwerfällt. Dabei versuche ich mein Bestes zu geben. Nichts desto trotz möchte ich mir Aussagen wie „Bist du doof!“, „Du hast ja gar nichts drauf!“ oder „Was soll aus deinem Leben werden, wenn du so weitermachst?“ nicht mehr bieten lassen. Wieso muss ich überhaupt in die Schule? Gibt es keine andere Lösung, die vorteilhafter für mich wäre? Mir reicht‘s!

Als Alternative zur Schulbildung hörte ich häufig Worte wie Home-Education, häuslicher Unterricht oder Privatunterricht. Wäre das nicht was? Daraufhin durchsuchte ich das Internet nach möglichen Lösungen und stieß darauf, dass Home-Education in den letzten 20 Jahren vermehrt Zuspruch erhielt. Zurzeit nehmen ungefähr 500 deutsche Kinder und Jugendliche Home Education in Anspruch (vgl. Dr. Spiegler, 2005, S. 2). Das klingt doch vielversprechend, ich könnte einer davon sein.

Spannend war für mich, dass die Gründe, diese Bildungsform zu wählen, ganz unterschiedlich ausfallen. In zwei Motiven konnte ich mich wiederfinden: Zum einen psychische Beeinträchtigungen durch z.B. Mobbing, Angst, die Schule zu betreten (vgl. ebd.). So weit will ich es gar nicht kommen lassen. Körperliche Erkrankungen oder eine Schwangerschaft spielen ebenfalls eine Rolle. Zum zweiten wird es einigen Eltern und Schülern zunehmend wichtig, den Lernprozess an den individuellen Bedürfnissen auszurichten (vgl. ebd.). Ja genau das will ich! So könnte ich vielleicht effektiver lernen, Aufgaben erfüllen und meine jeweiligen Ziele bestmöglich erreichen. Des Weiteren steigt das Interesse neben dem theoretischen Wissen auch Werte zu vermitteln bzw. dem Erziehungsanspruch gerecht zu werden (vgl. ebd.).

Doch wie könnten meine Eltern Home- Education überhaupt umsetzen? Sie sind ja nicht dafür qualifiziert oder ausgebildet worden. Mir fiel schnell auf, dass auch die Handhabung dessen sehr unterschiedlich ist. Einige orientieren sich an einem Unterrichtsplan, der dem der Schulen nahe kommt, aber andere gehen lediglich auf die Bedürfnisse der Kinder ein und folgen keinem bestimmten System (vgl. ebd., S. 3).

Was mich dann schockierte, war, dass die häusliche Bildung eine Ordnungswidrigkeit und sogar in manchen Fällen eine Straftat in Deutschland darstellt, da sie noch nicht als anerkannt gilt (vgl. ebd.). Klar ist, dass alle Kinder und Jugendlichen einer allgemeinen Schulpflicht ausgesetzt sind. Deshalb muss auch ich den Unterricht an einer öffentlichen oder staatlich anerkannten Schule wahrnehmen. Natürlich hat die Schulpflicht den Vorteil, dass jedem Kind die Möglichkeit geboten wird von Lehrern die bestmögliche Bildung zu erhalten, da die Lehrkräfte „unter staatlicher Aufsicht und nach einem einheitlichen Muster ausgebildet wurden“(Stern TV, 2015). Aber wenn, meine Eltern sich die Lehrpläne, Schulbücher und Aufgaben ausreichend aneignen und darüber hinaus umfassend auf meine Stärken und Schwächen eingehen, müsste das doch auch funktionieren, oder nicht?

Das Grundgesetzt besagt im Art. 6, Abs. 2 dass die „Pflege und Erziehung der Kinder das natürliche Recht der Eltern und die zuvörderst ihnen obliegende Pflicht [sind]. Über ihre Betätigung wacht die staatliche Gemeinschaft.“ (Art. 6, Abs. 2, GG) Demgegenüber eröffnet Art. 7, Abs. 1, dass „das gesamte Schulwesen unter der Aufsicht des Staates steht“ (Art. 7, Abs. 1, GG). Dabei stellen sich mir so viele Fragen: Gibt es die Möglichkeit, dass das Elternrecht in die Schule hineinwirkt und wenn ja, wie weit? Können wir uns als Familie der Schulpflicht widersetzen

Das ist gar nicht so einfach, denn ich fand leider heraus, dass es dazu kommen kann, dass meine Eltern Bußgelder oder sogar Zwangsgelder leisten müssen, wenn sie mir Hausunterricht geben. Schlimmstenfalls erhalten sie „Erzwingungshaft“ oder „(Teil) Sorgerechtsentzug“ (Dr. Spiegler, 2005, S. 3). Das nahm mir meine Hoffnungen wieder. In allen anderen europäischen Ländern außer Schweden und Deutschland ist eine Bildungs- bzw. Unterrichtspflicht ausreichend (vgl. Tricarico, 2015). Wieso hier nicht?

Unabhängig von meinen Recherchen erlitt ich danach einen schweren Fahrradunfall. Dadurch war ich für eine lange Zeit krankgeschrieben. Durch den § 54 Abs. 4 des Thüringer Schulgesetzes wird in diesem Fall verbindlich geregelt, dass „Schulpflichtige, die wegen Erkrankung sechs Wochen und länger die Schule nicht besuchen können und sich in häuslicher Pflege befinden, Hausunterricht in den Grundlagenfächern erhalten [können](§ 54 Abs. 4 Thüringer Schulgesetz). Dies setzten wir in der Familie sofort um. Meine Mutter übernahm die Fächer Deutsch, Englisch und Geschichte und mein Vater Mathematik, Biologie und Physik. Somit unterrichteten sie neben den Grundlagenfächern weitere Fächer. Es funktionierte sehr gut. Meine Eltern gingen auf meine individuellen Bedürfnisse und Interessen ein, aber hielten sich gleichzeitig an den vorgegebenen Lehrplan. Das Lernen und Üben bereitete mir viel Spaß, ganz anders als früher. Als ich nach den 6 Wochen wieder in die Schule ging, war ich mit meinen Mitschülern auf einem Level. Daran wurde deutlich, dass Home-Education für mich sehr gewinnbringend und eine effektive Alternative zum Schulunterricht ist. Gegen die allgemeine Schulpflicht kommen wir nur nicht an, aber meine Familie und ich werden sehen, was die Zukunft bringt. Mir ist klar, dass meine Familie und ich innerhalb Deutschlands gegen das Gesetz verstoßen würden. Aber vielleicht lohnt es sich, wenn ich dadurch nicht mehr unter meinen Mitschülern leiden und unter Stress stehen muss. Wir könnten ja auch in ein anderes europäisches Land ziehen, in dem Home-Education Normalität darstellt.

Literaturverzeichnis

Dr. Spiegler, T. (2005): Bildung zu Hause – Home Education in Deutschland im Überblick. In: Kurskontakte 141, URL: http://www.homeschooling-forschung.de/Material/KK141.pdf

Tricarico, T. (2015): Warum Eltern ihre Kinder nicht in die Schule schicken, URL: https://www.welt.de/wirtschaft/karriere/bildung/article147971707/Warum-Eltern-ihre-Kinder-nicht-in-die-Schule-schicken.html

Sind Eltern die bessere Schule?! I rechtsgeschichten
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